Industrial Internet: Warum die deutsche Wirtschaft mehr Offensivgeist braucht

Die deutsche Wirtschaft hat beste Aussichten, zu den Gewinnern der Digitalen Transformation hören – wenn sie die Chance des Augenblicks nutzt.

Das Internet scheint fest in US-amerikanischer Hand. Egal, welches der vielen Rankings zu den wertvollsten Unternehmen oder Marken der Welt zu Rate gezogen wird: Google respektive der Mutterkonzern Alphabet, Facebook, Apple und Amazon dominieren die Ranglisten. Zudem läuft die Berichterstattung in den Medien über mit Meldungen und Artikeln zu den neuen Stars der Wirtschaft wie Uber oder Airbnb. Beides Unternehmen, die von den Kapitalmärkten überschäumend bewertet werden, nicht obwohl, sondern weil sie überhaupt keine Produktionsmittel ihr eigen nennen. Sie treiben mit reinen Softwareplattformen einen Keil zwischen tradierte Unternehmen und ihre Kunden. Mit Geschäftsmodellen, die das Attribut „disruptiv“ wirklich verdienen, mischen sie ganze Branchen auf.

Das Silicon Valley erscheint dabei als der Ort, an dem der Heilige Gral der Digitalisierung seine Kraft entfaltet, und avanciert zum Pilgerort für Unternehmer und Politiker aus der alten Welt. Die Bewunderung für die Innovationskraft der Amerikaner ist groß. Wer erinnert sich nicht an den Fauxpas von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der noch im Jahr 2013 beim Deutschlandbesuch von US-Präsident Barack Obama der Satz über die Lippen ging: „Das Internet ist für uns Neuland.“

Ist das Rennen um das Internet gelaufen? Tragen die USA den Sieg im Wettbewerb um die Wertschöpfungspotenziale der Zukunft davon? Die Antwort vieler Experten auf diese Frage lautet: nein, überhaupt nicht. Sie sehen lediglich die erste Halbzeit dieses Duells verloren, manche sogar nur das erste Drittel. Die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaft hat noch alle Chancen, in der Digitalen Transformation auf die Gewinnerseite zu kommen.

Es geht um 1,25 Billionen Euro

Dabei steht viel auf dem Spiel, wie die Ergebnisse einer Studie für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigen aus dem vergangenen Jahr zeigen. Bis 2025 kann Europa durch die Digitale Transformation eine industrielle Bruttowertschöpfung in Höhe von 1,25 Billionen Euro hinzugewinnen, wovon ein Drittel auf Deutschland entfallen dürfte. Meistert Europa diese entscheidende Phase der Transformation jedoch nicht, können andererseits auch 605 Milliarden Euro verloren gehen. „In Europa und in insbesondere Deutschland liegen die Stärken der IT-Industrie vor allem im industriellen Markt. Das Business-to-Customer-Segment wird bereits durch das Silicon Valley und die USA dominiert. Um zu den Gewinnern in den Bereichen Internet der Dinge und Industrie 4.0 zu gehören, müssen wir uns auf die Stärken und Potenziale, die wir am IT-Standort Deutschland bereits haben, besinnen. Nur so gewinnen wir die zweite Halbzeit der Digitalisierung“, erklärt Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, neben SAP einer von lediglich zwei deutschen „digitalen“ Weltmarktführern.

In dieser neuen Runde der Digitalen Transformation geht es um nichts weniger als die um „Infrastruktur des Wohlstands“, wie Karl-Heinz Land, CEO der Strategieberatung neuland und Sprecher der Initiative Deutschland Digital (IDD), das Internet der Dinge bezeichnet. Bereits bis 2020, so erwartet es das Marktforschungsinstitut  Gartner, werden 25 Milliarden „Dinge“ vernetzt sein. Die vielen Millionen Tablets und Smartphones, die weltweit im Einsatz sind, kommen noch hinzu. Mehr als die Hälfte der wesentlichen Geschäftsprozesse der Unternehmen werden in irgendeiner Form mit dem Internet der Dinge vernetzt sein. Kein Wunder, dass bereits vom „internet of everything“ die Rede ist.

Vom Industrial Internet…

„Die deutsche Industrie steht vor einer neuen Ära, in der sich die digitale Welt mit der Welt der Maschinen verbindet, mit tiefgreifenden Veränderungen in allen Branchen und alle Geschäftsfeldern“, sagt Michael Rosbach, Vorstand von Scopeviso. Die Betriebsmittel dieser hoch konnektiven Welt sind Sensoren und Big Data, die Cloud, in der die Fäden zusammenlaufen, und Business Analytics. Mit Spannung beobachten Experten zudem die Fortschritte beim Cognitive Computing und Machine-Learning, die effektivere Entscheidungsprozesse versprechen, sowie in der Robotik und im 3D-Druck.  In der Folge werden die „Dinge“, seien es Produkte, Paletten, Verpackungen oder ganze Schiffscontainer, an Autonomie gewinnen. Sie steuern ihre Prozesse selbst. Ob nun ein eintreffendes Rohteil in der Fabrik das Montageband konfiguriert oder eine Lieferung aus Fernost ihren Transportweg selber disponiert – der Mensch wird immer seltener gefragt sein. Für Land bewahrheitet sich hier eine Grundregel der Digitalen Transformation: „Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Was vernetzt werden kann, wird vernetzt und was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert.“ Zudem sieht er die bekannten Wertschöpfungsketten in Auflösung begriffen. „Wenn alles mit allem und jeder mit jedem vernetzt ist, dann bekommen wir keine Industrie 4.0, sondern eine Wirtschaft 4.0 ohne Mittelsmänner und Handelsstufen.“

„Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Was vernetzt werden kann, wird vernetzt und was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert.“
Karl-Heinz Land, Sprecher der Initiative Deutschland Digital

Welcher ist der nächste Schritt?

Der US-Konzern General Electric hat der aktuellen Phase der Digitalen Transformation eine griffige Überschrift gegeben und spricht vom „Industrial Internet“, ein Schlagwort, das auch hierzulande von vielen Marktteilnehmern bereitwillig aufgegriffen und mit der Hoffnung auf gute Geschäfte aufgefüllt wird.  Zurecht. Sogar GE-CEO Jeff Immelt hält große Stücke auf Europa. Als er in Paris mit der Digital Foundry ein neues Start-up und Innovationszentrum eröffnete, merkte er an: „Europa hat das Talent und die Infrastruktur, um die Revolution anzuführen. Die Digitalisierung der Industrie muss dabei das Herzstück dieser Mission bilden.“

… zum Industrial User Internet

Der Wettkampf um das „Industrial Internet“ ist also eröffnet. Die zweite Halbzeit läuft. Oder, in Analogie zum Eishockey, das zweite Drittel. Nach dem ersten Drittel um das Consumer Internet steht es 1:0 für die USA. Im zweiten Drittel um das Industrial Internet kämpfen Europa und Deutschland um den Ausgleich. Im Schlussdrittel wird es dann um das „Industrial User Internet“ gehen. Es zeichnet sich dadurch aus, dass der Endverbraucher direkt in die digitale Infrastruktur der Wirtschaft integriert wird, etwa indem er von seinem Smartphone aus nicht nur individualisierte Bestellungen aufgibt, sondern diese direkt in die Steuerungssysteme der Fabriken sendet oder einen 3D-Druck auslöst. Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist, lässt eine Befragung des eco-Verbandes und des Marktforschungsinstituts Yougov aus 2015 unter mehr als 1400 Personen aufhorchen. Danach stehen 58 Prozent der Verbraucher dem Internet der Dinge aufgeschlossen gegenüber. Zwar ist deren Bild von dieser vernetzten Zukunft noch diffus und 63 Prozent haben gar keine Vorstellung davon, was sich hinter dem „Internet der Dinge“ verbirgt. Gleichwohl erwarten 92 Prozent von den vernetzten Geräten vor allem eines: einen finanziellen Vorteil.

Ein Unternehmen, das den Schritt ins „Industrial Internet“ bereits vollzogen hat und mit dem „Industrial User Internet“ liebäugelt, ist Schindler Aufzüge. Michael Nilles, Vorstandsmitglied und Chief Information Officer des Jahres 2015, sagt im Interview:

Auf den Begriff habe ich das Copyright. (lacht) Er ist aus unseren Überlegungen entstanden, was denn das Industrial Internet für uns bedeutet. Mit dem Industrial Internet optimieren wir die Auslastung unserer Anlagen, erhöhen die Verfügbarkeit, optimieren unsere Service-Modelle in Richtung Predictive Maintenance und erhalten wertvolle Informationen für die kontinuierliche Verbesserung unserer Produkte. Das an sich ist bereits eine gewaltige Herausforderung. Das Industrial Internet fußt insbesondere auf dem Internet der Dinge, auf Kommunikation, Daten und Analytics. Täglich benutzen über eine Milliarde Menschen unsere Produkte, das sind Benutzer unserer Anlagen. Es liegt nahe, diese Gruppe in den weiteren Fokus zu stellen und den ‚Usern‘, also den Benutzern unserer Anlagen ein optimales Nutzungserlebnis zu bieten, sei es beispielsweise durch Zeitgewinn oder personalisierte Services.

 

Zeitschmelze

Wie schnell die Entwicklung voranschreiten wird? Schneller als gedacht.  Man muss sich die Digitale Transformation wie eine Exponentialfunktion aus der Mathematik vorstellen. Lange passiert nicht viel. Der Graph für die Leistungsfähigkeit verläuft fast flach, nur mit einer ganz leichten Steigerung von Jahr zu Jahr. Dann schießt er plötzlich steil in die Höhe. Genau an diesem Knick steht die Welt derzeit. Vor dem großen Sprung. Was bisher an bemerkenswerten Innovationen aus den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren zu bestaunen ist, stellt erst den bescheidenen Anfang der Digitalen Transformation dar. Überspitzt gesagt: Ab morgen geht die Post ab.

Um diesen Effekt zu verstehen, hilft die Legende über die Erfindung des Schachspiels. Ein indischer Herrscher stellte dem Brahmanen, der es ersonnen hatte, einen Wunsch frei. Dieser verlangte, ein Getreidekorn auf das erste Feld des Schachbretts zu legen und dann von Feld zu Feld die jeweilige Menge zu verdoppeln. Ein unmögliches Ansinnen: Denn während auf den ersten Feldern ein, zwei, vier, acht sechzehn Körner lägen, wären es in der Mitte des Bretts schon einige Milliarden. Am Ende befänden sich auf dem Schachbrett 18,45 Trillionen Körner, was zum Beispiel die weltweite Weizenernte eines durchschnittlichen Jahres um mehr als das 1000fache übertreffen würde. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sprechen in ihrem Buch „The Second Machine Age“ vom „machtvollen Effekt der laufenden Verdopplung“, die sich in der Informationstechnologie im Mooreschen Gesetz zeigt: Alle 18 Monate verdoppelt sich die  Leistungsfähigkeit der Computerchips.

„Die Unternehmen müssen deshalb immer ins Kalkül ziehen, dass sich ihr Marktumfeld von jetzt auf gleich radikal verändern kann. Die Reaktionszeiten werden immer kürzer. Wir erleben eine Zeitschmelze“, erklärt Karl-Heinz Land. Schnelles Denken sei gefragt, um die Digitale Transformation in die Unternehmen zu bringen und dabei auch im Schumpeter´schen Sinne die Kraft der kreativen Zerstörung freizusetzen: mit digitaliserten Geschäftsmodellen, überzeugenden Kundenerlebnissen entlang der mehr und mehr digital und mobil geprägten Customer Journey, mit effizienteren, digitalisierten Prozessen im eigenen „Enterprise 4.0“ sowie digitalen Produkt- und Serviceinnovationen.

Radikal kundenorientiert

Dabei stellen sich zwei Herausforderungen. Zum einen benötigen die Unternehmen eine IT-Infrastruktur, die leistungsfähig, wendig und flexibel genug ist, um das Tempo und die sich vielfach wandelnden Anforderungen der Digitalisierung mitzugehen.  „Innovative, digitale Unternehmen verfügen meist über plattformbasierte Geschäftsmodelle. Dadurch entstehen völlig neue Märkte und Wertschöpfungsketten, schneller als alles, was wir bisher gesehen haben“, erklärt Werner Rieche, Deutschland-Geschäftsführer der Software AG. „Die Plattformökonomie fordert klassische Unternehmen heraus, denn Sie müssen ganze Geschäftsprozesse neu definieren und digitalisieren. Dafür benötigen sie maßgeschneiderte Lösungen. Die klassische Software ,von der Stange` hat ausgedient.“

Zum anderen müssen die Menschen und Organisationen auf diesem Weg mitgenommen werden, damit die Innovation nicht von ihren Beharrungskräften neutralisiert wird. Auf dem diesjährigen Digital Business Day haben mehrere Unternehmen berichtet, wie sie die Transformation angestoßen haben. Sie haben eher schlechte Erfahrungen damit gemacht, ihr Unternehmen aus sich selbst heraus zu transformieren. Die Trägheit der Organisationen erwies sich als zu ausgeprägt, um weit genug in die digitale Welt zu springen. Der Erfolg stellte sich erst mit digitalen Tochterunternehmen oder Inkubatoren ein, die – im übertragenen Sinne – weit genug vom Stammhaus entfernt und nach eigenen Regeln forschen und innovieren durften. Unbehelligt von zu viel Bürokratie und Controlling, aber mit dem Freiraum, disruptiv, frech und aus der Perspektive des Kunden neu zu denken, auch bis zu dem Punkt, an dem der bisherige Geschäftszweck des Mutterhauses in Frage steht. Die so entstehenden Ideen, Konzepte und Technologien werden zum Beispiel in Pilotprojekten erprobt. Sofern sie sich als vielversprechend erweisen, werden sie ins Unternehmen getragen und können dort ihre Überzeugungskraft entfalten. „Fragen Sie nicht was es kostet. Fragen Sie sich, was es kostet, es nicht zu tun“, spricht sich Maximilian von Löbbecke, Geschäftsführer der 365Farmnet-Group für diese Vorgehensweise bei der Digitalen Transformation aus.

Dafür spricht, dass sich manche der traditionell eher produktorientierten deutschen Unternehmen schwer tun, dem einst von Apple-Gründer Steve Jobs in Stein gemeißelten Rat zu folgen:

„Sie müssen mit dem Kundenerlebnis beginnen und sich dann rückwärts zur Technologie durcharbeiten – nicht anders herum.“

 

Der Beitrag erschien in gekürzter Fassung in der Zeitschrift „zeitschmelze – das Magazin für die digitale Wirtschaft“.

Autor: Christoph Berdi

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