Volkswagen: Digitalchef Johann Jungwirth beschleunigt die Transformation

Die Volkswagen-Gruppe hat einen Strategieschwenk vollzogen: „Ich bin mir sicher, dass wir bis 2025 zu einem führenden Mobilitätsanbieter werden“, sagt Digitalchef Johann Jungwirth. Er kam vor knapp einem Jahr nach Stationen bei der Daimler AG und Apple zu Volkswagen berichtet direkt an CEO Matthias Müller. Jungwirth sieht Volkswagen auch auf dem Weg vom Hardwarehersteller zum „Software- und Services-Konzern“.

Dafür geht Volkswagen den für die Automobilindustrie ungewöhnlichen Schritt, die Bereiche Digitalisierung und Design stärker zu verzahnen. Dafür siedelt das Unternehmen jeweils in Potsdam, Kalifornien und in China „Volkswagen Group Future Center“ an. Dort werden Designer und Digitalisierungsexperten Hand in Hand am Auto der Zukunft arbeiten. Das Ziel: Die Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns sollen bei Kundenerlebnis, Interface-Design, Bedienlogik, neuen Innenraumkonzepten sowie Info- und Entertainment „Best-in-Class“ sein. Jungwirths Vision: „Wenn wir es richtig machen, haben wir spätestens in fünf Jahren vollautonom fahrende Autos, natürlich zu 100 Prozent elektrisch. Das ist die Zukunft. Die Autos sind vernetzt über Mobilfunk neuester Generation, immer aktuell per Software-Updates. Sie haben große Head-up-Displays mit Augmented Reality und reagieren auf natürliche Sprache.“

Engagement in KI

Derzeit folgt beim Volkwagen-Konzern ein Schritt in der Digitalisierung auf den nächsten. In diesem Jahr hat Volkswagen sein Engagement in der Künstlichen Intelligenz (KI) verstärkt. So beteiligte sich der Konzern am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Das DFKI hat sich auf die Bereiche Robotik, Industrie 4.0 und Fahrerassistenzsysteme spezialisiert. In einem gemeinsamen Projekt werden Volkswagen und DFKI deshalb unter anderem das Softwareframework ROCK weiterentwickeln, das die direkte und enge Zusammenarbeit von Mensch und Roboter ermöglicht. Das System macht es möglich, eine Umgebung sensorübergreifend zu erfassen und somit Kollisionen im Voraus zu erkennen und zu vermeiden. Ausserdem erlaubt ROCK, ein Fahrzeug über Gesten intuitiv zu steuern.

Doch Volkswagen möchte Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie nicht nur auf dem Gebiet des autonomen Fahrens und in der Fertigung einzusetzen, sondern damit auch Unternehmensprozesse zu beschleunigen. Deshalb wurde Professor Patrick van der Smagt verpflichtet. Van der Smagt lehrt an der Technischen Universität München und gilt als einer der führenden Experten für Deep Learning und Robotics in Europa. Er verstärkt das Data Lab in München und übernimmt dessen Leitung. Gegründet in 2014, bildet das Data Lab nach Unternehmensangaben auf den Gebieten Künstliche Intelligenz, Automotive Data Science und maschinelles Lernen mittlerweile das größte Expertenteam für KI und Data Science im Volkswagen-Konzern und in der Automobilindustrie überhaupt.

 „Erstklassige Kompetenz auf dem Gebiet der KI ist eine unverzichtbare Voraussetzung zur Zukunftssicherung. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen entwickeln sich zu Schlüsseltechnologien in der Automobilindustrie. Volkswagen treibt dieses Thema entschieden voran.“ Johann Jungwirth, Chief Digital Officer

Das Data Lab bearbeitet als neues Feld der KI das Thema „Robotic Enterprise“. Dabei geht es um den der Einsatz selbstlernender Algorithmen in Unternehmensfunktionen und Prozessen, etwa in der Entwicklung, der Produktion, im Vertrieb, der Finanz und in der Qualitätssicherung.

Beteiligung an Uber-Konkurrent Gett

Sichtbarer Ausdruck der Digitalen Transformation des Volkswagen-Konzerns ist auch die Beteiligung an Gett, einem Anbieter von On-Demand-Mobilitätsdienstleistungen. Dazu schreibt das Handelsblatt:

„Der Einstieg bei Gett ist mit großer Sicherheit auch durch die Hände von Jungwirth gegangen. Was er für richtig hält, hat in Sachen Digitalisierung eine Zukunft bei Volkswagen. Und natürlich ist der Zeitpunkt der Gett-Beteiligung völlig richtig. „Perfektes Timing“, freut sich „JJ“, wie er wie selbstverständlich im Kollegenkreis genannt wird.

Gett, durchaus ein Konkurrent von Uber, bietet Fahrdienstleistungen auf Abruf für Personen und Güter. Gett ist weltweit bereits in mehr als 70 Städten verfügbar, darunter in London, Moskau und New York. Gett bietet seinen Service nicht nur Einzelpersonen an, sondert bietet als derzeit einziger Wettbewerber in diesem Feld On-Demand-Komplettlösung für Unternehmenskunden. „Gett for Business“ wird bereits von über 5.000 führenden Unternehmen weltweit genutzt. Der Volkswagen-Konzern hat sich mit  300 Millionen US-Dollar an Gett beteiligt. Nach Ansicht von Volkswagen versprechen innovative, digital vernetzte Dienstleistungen rund um das Thema Mobilität in den kommenden Jahren eine hohe Wachstumsdynamik. Der Markt für Fahrtenvermittlung („Ride Hailing“) berge das größte Marktpotenzial im Bereich der On-Demand-Mobilität. Gleichzeitig bilde es die technologische Basis künftiger Mobilitäts-Geschäftsmodelle. Erklärtes Ziel des Volkswagen Konzerns ist es, bis 2025 einen substanziellen Teil seines Umsatzes mit solchen neuen Geschäftsmodellen zu erwirtschaften. Mit Blick darauf öffnet sich der Konzern für neue Partnerschaften und strategische Beteiligungen.

 

13. Marke des Konzerns

Mittlerweile ist es beschlossene Sache, dass die Mobilitätsdienste ein eigenes Geschäftsfeld und die  13. Marke des Konzerns bilden werden. Neben der Vermittlung von Fahrdiensten wird gemeinsam mit dem Partner Gett bereits an eigenen Shuttle-Angeboten und Sharing-Konzepten für die urbane Mobilität gearbeitet.

„Perspektivisch gesehen könnten wir auch eigene, selbstfahrende Shuttleflotten betreiben, wenn das autonome Fahren in der Stadt in Serie geht. Künftig wird längst nicht mehr jeder ein eigenes Auto besitzen. Aber jeder kann auf die eine oder andere Art Kunde von Volkswagen sein – weil wir für Mobilität in einem viel umfassenderen Sinne als heute sorgen werden.“ Matthias Müller, CEO

Bis 2025 soll die neue Marke zu den führenden Anbietern urbaner Mobilitätsdienstleistungen gehören und Marktführer in Europa werden. Die offizielle Vorstellung und Verkündung des Namens soll noch im November 2016 erfolgen.

Fazit: Der Volkswagen-Konzern hat nach Dieselgate Fahrt in Richtung digitaler Zukunft aufgenommen. Und hält das Momentum.

Autor: Christoph Berdi

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.