Zu wenig, zu langsam

Deutschland bleibt ein Nachzügler in der Digitalen Transformation und liegt wie im Vorjahr im internationalen Vergleich auf Platz sechs. Das zeigt der heute in Berlin vorgestellte Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2016. TNS Infratest und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben die Studie für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) erstellt. Lesen Sie dazu die Stellungnahme der Initiative Deutschland Digital (IDD):

Platz sechs hinter den USA, Südkorea, Großbritannien, Finnland und Japan ist für den Standort Deutschland eine schlechte Nachricht, zumal kaum eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr zu erkennen ist. Von 100 Indexpunkten erreichte Deutschland 53 Punkte und damit nur einen mehr als noch 2015. Damit bleiben die Aufgaben für Wirtschaft und Politik unverändert groß. In einer immer schneller und stärker transformierenden Weltwirtschaft darf Deutschland den Anschluss nicht verlieren. Im Gegenteil, es muss seine Anstrengungen steigern.

An erster Stelle sind die Unternehmen gefragt. Nur 27 Prozent der Unternehmen in der gewerblichen Wirtschaft erreichen mehr als 70 von 100 Indexpunkten und gelten damit als „hoch digitalisiert“. Dieses Ergebnis muss als Weckruf aufgenommen werden. Durchschnitt, und nichts anderes spiegelt die Studie wider, darf nicht der Zukunftsanspruch einer führenden Wirtschafts- und Exportnation sein. Schnelles, strategisches Umdenken ist gefragt. Vor allem der Mittelstand, der laut des Reports hinter Klein- und Großunternehmen zurückfällt. Besorgniserregend: Sein Indexwert dürfte auch in den kommenden Jahren bei 50 Punkten stagnieren.

Es gibt viele Gründe, die Digitale Transformation aufzuschieben. Aber keine nachvollziehbaren. 38 Prozent der Befragten beklagen die hohen Investitionen und 32 Prozent den hohen Zeiteinsatz. Sicher sind die Aufwände hoch. Aber je länger Unternehmen die strategischen Weichenstellungen vertagen, desto größer und dringlicher werden sie. 25 Prozent der Unternehmen halten sogar eine Digitalisierung nach wie vor nicht für notwendig. Ihnen sei ins Stammbuch geschrieben: Sie irren. Die ganze Welt digitalisiert sich, und damit höchst wahrscheinlich auch Ihre Kunden. Niemand wird deren Bedürfnisse künftig „analog“ befriedigen können.

Aber auch die Politik ist aufgerufen, die Digitale Transformation entschiedener zu unterstützen. Mittlerweile wächst die Einsicht in Berlin, dass ohne ein flächendeckendes Hochleistungsbreitband kein Staat zu machen ist. 40 Prozent der Befragungsteilnehmer bemängeln eine Unterversorgung mit Breitband. Dieses Ergebnis sollte auch den letzten Zauderer davon überzeugen, dass der Ausbau mit hoher Priorität vorangetrieben werden muss. Der aufziehende Bundestagswahlkampf darf bei diesem Thema nicht zu einem weiteren Jahr des Zögerns führen.

Dies gilt auch für die weiteren politischen Handlungsfelder, die die Autoren der Studie identifiziert haben: Der rechtliche Rahmen muss mit Blick auf den rasanten und tiefgreifenden digitalen Wandel zügig weiterentwickelt werden. Insbesondere gilt dies für Datenschutz und Datensicherheit. Es muss eine Balance gefunden werden. Es geht einerseits um Datensouveränität für die Bürger. Andererseits sollte die Wirtschaft mit gewonnenen Informationen produktiv und wertschöpfend arbeiten können. Ohne diesen Ausgleich sind innovative Geschäftsmodelle nur schwer denkbar. Auch die Arbeitswelt muss rechtlich auf den technologischen und Fortschritt vorbereitet werden. Denn: Die Arbeit wird sich in der Digitalen Transformation stark verändern. Vor allem wird die Nachfrage nach Arbeit sinken.

Durch den Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2016 sieht sich die Initiative Deutschland Digital (IDD) in den Forderungen bestätigt, die sie im vergangenen Monat in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Entscheidungsträger der politischen Parteien gerichtet hat. Die Studie unterstreicht für viele Arbeitsfelder, dass die Digitale Transformation in Deutschland zu zögerlich angegangen wird. Das Fazit lautet nach wie vor: zu langsam, zu wenig.

Autor: Karl-Heinz Land, Sprecher der Initiative Deutschland Digital

Über die Studie

Für den Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2016 zeichnen TNS Infratest und das ZEW verantwortlich. Auftraggeber ist das Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Die Studie zeigt, welchen Mehrwert die Digitale Wirtschaft für Deutschland schafft und wie sich der Standort im internationalen Vergleich  positioniert. Im vorliegenden Monitoring-Report wurde mit dem Wirtschaftsindex Digital der Digitalisierungsgrad der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland nach Branchen differenziert erhoben. Download und Grafiken auf http://www.tns-infratest.com/bmwi

1 Antwort
  1. Holger Breitenbacher
    Holger Breitenbacher says:

    Das ist richtig. Viele Firmen machen auch nicht mit. Wie unsere zum Beispiel. Wir sind Mittelständler mit Produktion. Und wir bleiben ohne durchgehende Digitalisierung. Wir behalten gewisse Medienbrüche bei. Der Grund: Zu teuer, Zuviele Alt-lasten im ITBereich, es gibt auch noch keine weltweiten Standard, nicht klar was es bringen soll. Wir werden uns nicht die Finger verbrennen und auf irgendetwas setzen, was dann nachher doch nicht Standard wird. Unser IT-Abteilung ist ständig überlastet, macht aber ihre Sache durchaus gut. Wir haben gute Leute dort, aber Spitzenleute mit Visionen haben wird nicht, dafür ist kein Geld da.
    Die Mitarbeiter sind so wie es ist zufrieden und der Umsatz und Gewinn stimmt. Wir gehen das Riskio ein, das wir vielleicht nachziehen müssen, aber das ist uns egal. Sollen sich andere erstmal eine blaue Nase holen, wir machen bei diesem wilden Digitalisierungshype NICHT mit !

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.