Start-up Gwadriga: So erobern drei Energieversorger gemeinsam neue Märkte

Energieversorger

Neue Gesetze können Unternehmen nicht nur vor zusätzliche, oft ungeliebte Aufgaben stellen. Manchmal eröffnen sie auch eine Geschäftschance. So geschehen in 2016, als die Bundesregierung beschloss, die Energiewende zu digitalisieren. Erst mit dem entsprechenden Gesetz entstand die Funktion der Smart Meter Gateway Administration. Die Energieversorger Rheinenergie, Westfalen Weser Netz und EWE reagierten auf die aktuellen Anforderungen, indem sie mit „Gwadriga“ ein Start-up in Berlin gründeten.

Text: Christoph Berdi

Mit dem neuen Gesetz bringt die Bundesregierung Intelligenz in die Energienetzwerke. In einem stufenweisen Rollout bis 2028 sollen smarte Messsysteme an den Verbrauchspunkten installiert werden, etwa in Gebäuden, an Heizungs- und Kühlanlagen oder an Maschinen. Die Daten aus diesen „Smart Meter“ genannten Zählern erleichtern es den Energieanbietern, den Verbrauch ihrer Kunden zu überwachen, Tarife anzupassen und Rechnungen zu schreiben. Vor allem aber sollen sie helfen, den Stromverbrauch zu optimieren. Damit der Datenfluss sicher und frei von Manipulationen bleibt, hat der Gesetzgeber die Smart Meter Gateway Administration ins Leben gerufen. Als Handling- und Clearingstelle sind sie die unabhängigen Herrscher über die gesammelten Daten, lesen die Zähler aus, verarbeiten und visualisieren die Informationen und stellen sie Netzbetreibern oder Energieversorgern wieder zur Verfügung.

Mehrwertdienste im Blick

Dr. Michael Sobótka

Dr. Michael Sobótka

„Das Neue daran ist, dass die Daten nicht nur einmal im Jahr, sondern dynamisch, zum Beispiel alle 15 Minuten abgelesen werden“, berichtet Dr. Michael Sobótka, Geschäftsführer der Gwadriga, die im September vergangenen Jahres an den Start gegangen ist. So entstehen riesige Datenmengen, die aber nur mit geringen Margen gemanaget werden können. Kein Wunder also, dass sich die Energieversorger Rheinenergie, Westfalen Weser Netz und EWE in 2016 entschlossen, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. So lassen sich ihre insgesamt 3,4 Millionen Zählpunkte und rund 480.000 intelligenten Messsysteme wirtschaftlicher betreiben. Zudem lockt das Geschäft mit weiteren Energieversorgern, zum Beispiel Stadtwerke, die Gwadriga als Dienstleister nutzen wollen. „Wir planen, bis Ende 2017 um 20 Prozent zuzulegen und größter unabhängiger Prozessdienstleister in diesem Markt werden“, nennt Sobótka ein erstes Wachstumsziel.

Aber die ambitionierte Marke – eine Komposition aus Gateway Administrator und der Quadriga auf dem Brandenburger – sowie der Standort Berlin lassen erahnen, dass die Anteilseigner Größeres im Sinn haben. Denn: Durch das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende wird aus dem Stromnetz ein „Smart Grid“ und ein Teil des Internets der Dinge. „Das ist eine tolle Chance und für uns die Voraussetzung, etwas wirklich Neues zu schaffen“, erklärt Michael Sobótka weiter. Er sucht derzeit die geeigneten Mitarbeiter. Aus dem achtköpfigen Gründungsteam soll in diesem Jahr eine 15 Mitarbeiter zählende Truppe werden, die die klassische Welt der Stromanbieter mit der quirligen Welt der digitalen Start-ups vereint.

Zugang zur Start-up-Szene

„Bewusst haben wir uns  für Berlin entschieden. Wir möchten Zugang zur Szene und schnell datenbasierte Mehrwertdienste aufbauen. Und zwar beidhändig: mit fundierter Prozesserfahrung im Energiemarkt sowie mit der  unbefangenen, wirtschaftlichen und kreativen Denke eines Start-ups“, erklärt Sobótka. Die neuen Geschäftsmodelle reduzieren sich aber nicht nur auf die Analyse, etwa in Form eines permanenten Benchmarkings verschiedener Standorte. Gwadriga ist auch in der Lage, die Smart Meter aktiv anzusteuern. So lässt sich beispielsweise der Betrieb von Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Nachtspeichern aus der Ferne optimieren.

Außerdem findet Gwadriga im Rahmen des Messdatenmanagements heraus, warum bei den Kunden überraschende Spitzen im Verbrauch entstehen. Bei Supermarktketten kann zum Beispiel der gebündelte Stromverbrauch in einem hochfrequenten Takt analysiert werden, was Rückschlüsse auf die Performance von einzelnen Geräten erlaubt. Technische Defekte – etwa an Kühltruhen – oder Bedienungsfehler durch das Personal oder Lieferanten lassen sich durch die permanent erfassten Daten schnell identifizieren.

Kurzum: Das Gespann aus Rheinenergie, EWE und Westfalen Weser Netz betreibt mit Gwadriga in Berlin nicht „business as usual“. Vielmehr haben die Unternehmen erkannt, wie förderlich die Energie und die Kultur der Start-up-Szene für innovative, datenbasierte Geschäftsmodelle sein kann.

 

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