„Eine laute, lebhafte Debatte“

Richard David Precht:

Der Philosoph Richard David Precht hat sich in die Reihe der Mahner und Drängler eingereiht, die eine neue gesellschaftliche Vision für die digitale Zeit einfordern. Ein aktueller Beitrag in der „Zeit“ sowie ein gemeinsames Interview mit Digital Evangelist Karl-Heinz Land zeigen die mögliche Spannweite, aber auch die Dringlichkeit eines intensiven Diskurses auf politischer Ebene.

„Daten essen Seele auf“ lautet die Schlagzeile des Texts in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der emeretierte Informatikprofessor Manfred Broy und der Philosoph Richard David Precht weisen darin auf einen blinden Punkt der gesellschaftlichen und politischen Diskussion hin: Kaum ein Politiker denkt ernsthaft über eine positive Vision für die digitalisierte Welt nach. „Deshalb hilft nur (…), dass eine laute, lebhafte Debatte geführt wird: jetzt hier und überall! Dass wir Parteien dazu nötigen, mit Visionen der zukünftigen Gesellschaft in Wahlkämpfe zu ziehen.“ Die Autoren werfen die Frage nach einem positiven Zukunftsszenario auf, nach einer neuen Form von Gesellschaft, Wirtschaft und Lebensführung: „Warum erschließen wir die fantastischen Möglichkeiten digitaler Technologie nur aus dem Blickwinkel des wirtschaftlichen Wettbewerbs, statt als Möglichkeit, Menschsein in ganz neue Formen zu gestalten?“

Mahner und Aufrüttler

Mit Richard David Precht, der mit dem Bestseller „Wer bin ich? Und wenn ja wie viele?“ einem breiten Publikum bekannt geworden ist, hat die Fraktion der Mahner und Aufrüttler prominenten Zuwachs bekommen. Prechts Vorträge – etwa bei der Verleihung des deutschen Mediapreises 2017 – oder Namensartikel wie jetzt in der „Zeit“ weisen in eine ähnliche Richtung wie die Forderungen der Initiative Deutschland Digital (IDD). Im Herbst letzten Jahres hatte die IDD in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die politischen Parteien dazu aufgerufen, einen breiten Diskurs zu entfachen und endlich an einer positiven Vision für Deutschland 4.0 zu arbeiten.

Karl-Heinz Land, Digital Evangelist und Sprecher der IDD, tritt seit Jahren vehement für diesen Neustart der gesellschaftlichen Debatte ein, zuletzt in einem Fachbeitrag für die Zeitschrift „Tichys Einblick“. Deren eher rechts-konservative Leserschaft wird mit Lands Thesen ihre liebe Mühe gehabt haben. Über eine weitgehend arbeitsfreie Gesellschaft und ein bedingungsloses Grundeinkommen als Lösung nachzudenken, gehört nicht unbedingt zu den intellektuellen Lieblingsübungen in diesen Kreisen.

Auch wenn die große Linie ihrer Argumentationen oft deckungsgleich ist, sind sich Vordenker wie Land und Precht keineswegs einig, nach welchen Prinzipien die Gesellschaft neugeformt werden soll und welche Annahmen wirklich Gültigkeit haben. Offenkundig wurde dies in einem Doppelinterview, das Land und Precht der österreichischen Zeitschrift „Trend“ im vergangenen Jahr gegeben haben. Der Text ist jetzt im Wortlaut auf der Website der Digitalisierungs- und Strategieberatung neuland verfügbar.

Eigener Antrieb oder Pflicht?

Während Land glaubt, dass die Menschen in einer Welt ohne Arbeit einen intrinsischen Antrieb verspüren, ihre gewonnene Zeit sinnvoll, kreativ und auch zum Wohle der Allgemeinheit zu nutzen, plädiert Precht für die „Rückkehr der Pflicht“ und ein „verpflichtendes Sozialjahr für alle“. Und Prechts Plädoyer, den Datenhandel zu verbieten, mag der leidenschaftliche Digitalisierer Land natürlich auch nicht ohne weiteres folgen: „Ein selbstfahrendes Auto erzeugt in der Minute etwa ein Gigabyte an Daten. Wenn du die Datennutzung verbietest, wirst du wahrscheinlich an jeden zweiten Baum fahren. Das kann keine Lösung sein.“

Gegen den Baum rauscht jedoch die Politik, wenn sie den grundlegenden Wandel durch die Digitalisierung nicht in neue, positive Ideen für unser Zusammenleben ummünzt. Darin sind sich beide einig.

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