Future Center Europe: Volkswagen im Start-up-Modus

Der Volkswagen-Konzern gewährt Einblick in sein Allerheiligstes für die digitale Zukunft. Ein Ortstermin im Future Center Europe in Potsdam.

Von Christoph Berdi

Am Empfang liegen Dutzende Handys, griffbereit und geordnet. Auf einigen kleben Post-its mit den Namen ihrer Besitzer. Sie können ihre Telefone wieder an sich nehmen, wenn sie das Gebäude am Ufer des Gewässers „Tiefer See“ in Potsdam verlassen. Stetig gesellen sich weitere Geräte dazu. Es ist 14 Uhr; viele Mitarbeiter kommen zurück aus der Mittagspause. Brav gebe auch ich mein Smartphone ab und lasse auch gleich meinen Laptop da. Alles wegen der Kameras. Das Future Center Europe des Volkswagen-Konzerns in Potsdam ist ein Ort voller Betriebsgeheimnisse. Hier wird nicht offen über die Mobilität der Zukunft verhandelt, sondern im Dienste des Konzerns und seiner Marken geforscht und entwickelt. Das besondere dieses Centers und seiner beiden Schwestereinrichtungen in Peking und San Francisco ist: Designer und Digitalexperten arbeiten Hand in Hand. An neuen Designgrundlagen, an digitalisierten Cockpits, am autonomen Fahren und an der E-Mobility. Und obwohl schon zu Beginn der Führung durch dieses Zukunftslabor klar ist, dass das wirklich „heiße Zeug“ fremden Augen verborgen bleibt, stellt sich schnell Neugier ein. Das Verborgene ist immer spannender als das Offensichtliche. Aber das Offensichtliche ist spannend genug.

„Mit unseren interdisziplinären Teams aus Designern und Digitalisierungsexperten entwickeln wir gemeinsam die Mobilität der Zukunft und erfinden das Automobil in enger Zusammenarbeit mit unseren starken Marken neu. Wir werden von einem Hardware-Unternehmen zu einem integrierten Hardware-, Software- und Servicesunternehmen.“  Johann Jungwirth, Chief Digital Officer der Volkswagen AG.

Johann Jungwirth, Chief Digital Officer der Volkswagen AG, im Future Center Europe. (c) Volkswagen AG

Als erstes fällt auf, wie im Future Center gearbeitet wird. Ich darf in einen belegten Konferenzraum hineinschauen. Nur kurz, „bitte nicht stören“. Die dort versammelten Mitarbeiter schauen kurz zu mir auf, für den herrlich-freien Blick aufs Wasser haben sie gerade keine Augen. Vor kurzem residierten in diesem Raum noch eine Führungskraft, aber mit den Hierarchien wurden auch das Privileg des eigenen Büros geschliffen. Gleich nebenan im UX-Design wird an der User Experience in digitalisierten Cockpits gearbeitet. Die Mitarbeiter sitzen so gestaffelt, wie es für einen schnellen, iterativen Innovationsprozess hilfreich ist. Aus Ideen werden Hard- und Software, Prototypen, die am anderen Ende des Raumes in Testinstallationen sofort einem Realitätscheck unterzogen werden können. Was nicht funktioniert oder noch nicht ausgereift ist, wandert in der Kette zurück, wird verbessert oder neu erdacht. Start-up-Atmospähre. Design Thinker haben an solchen Arbeitsabläufen ihre helle Freude. Mustergültig. Und es soll noch besser werden. Ein Umbau steht an, um Projektteams noch effizienter zusammenziehen zu können.

Am Kopfende des langgezogenen Raumes steht ein schmuckloser, aber mit modernsten Features ausgestatteter Fahrsimulator. Ich steige ein und probiere die Gestensteuerung aus. Sensoren erfassen meine Finger und meine Hand im Raum, übersetzen Bewegung in Befehle. Mit etwas Übung funktioniert das erstaunlich gut. Wie von Geisterhand reagiert das „Fahrzeug“. Aber mir wird auch sofort klar, welch komplexe Aufgabe es ist, solche Systeme verlässlich und sicher zu gestalten. Zwischen manch knalliger Schlagzeile zur automobilen Zukunft und dem Stand der Technik liegt noch eine tiefe Kluft.

„Wenn die Insassen sich nicht mehr auf das Fahren konzentrieren müssen, werden ganz neue Fahrzeugkonzepte möglich. Jede Entwicklung beginnt mit einer User-Story. Wir fragen: Wie sieht das Leben der Kunden aus, für die wir das Auto bauen? Welche Mobilitätsbedürfnisse haben die Menschen und wie können wir die Wünsche optimal erfüllen?“ Michael Mauer, Chefdesigner des Volkswagen-Konzerns

Aber keine unüberwindbare, denke ich später am Tag. Vielleicht ist das UX-Team schon wieder einen Schritt näher an der Lösung. Gar so abwegig ist das nicht. Das Besondere am Future Center zeigt sich nicht nur in der Symbiose von Design und Digital. Auch ist jedes Gewerk, jede Disziplin, die für Forschung und Entwicklung benötigt wird, im Center vertreten. Das Resultat: Tempo. Es sind keine externen Dienstleister im Spiel, auf die das Team warten muss.

Stippvisite in der „Schweiz“

Weiter geht es auf „neutralen Boden“ zu den Designern. Im Konzern hat diese Abteilung eine Rolle wie im politischen Weltgefüge die Schweiz, denn hier können sich die Designer der zwölf Konzernmarken austauschen und abstimmen. Die Designexperten im Future Center arbeiten an grundlegenden Gestaltungsprinzipien für Innenausstattung und Außenkleid der Fahrzeuge, die allen internen Kunden zugutekommen, egal ob Volkswagen, Seat, Skoda oder Porsche. Beim Rundgang erfährt der aufmerksame Besucher, wovon Designer sich inspirieren lassen. Fahrräder stehen herum, und ferngesteuerte Modellautos. Ein Mitglied des Teams hat den „Millennium Falken“ aus den Star-Wars-Filmen auf seinem Schreibtisch geparkt. Kinofans wissen: ein höllisch schnelles Raumschiff.

Aber um hohe Geschwindigkeit geht es hier in Potsdam nicht, eher um Effizienz. Die Zukunft erscheint hier als ausgeklügeltes System selbständig fahrender Fahrzeuge, das Ballungsräume entlastet und die Umwelt schont. Wer dabei aber eintönige Science-Fiction-Visionen vor Augen hat, die Fritz Langs „Metropolis“ entsprungen sein könnten, denkt in die falsche Richtung. Trotz E-Mobilen, autonomem Fahren und Vernetzung folgen die VW-Vordenker der Philosophie, dass Mobilität eine recht individuelle Angelegenheit bleibt. Volkswagen, so höre ich, glaubt weiter an die Vielfalt von Form und Farben, an verschiedene Nutzungskonzepte für Fahrzeuge. So werde es weiter Autos geben, die eher für Familien und Kinder gemacht sind. Und hat es werden ganz neue Zielgruppen in den Blick genommen. Warum nicht automobile Angebote für Blinde entwickeln?

Im Licht und doch verborgen

Der Lichthof des Future Centers präsentiert sich fast leer. In dem riesigen Raum stehen verloren zwei Designstudien, denen aber nichts Geheimnisvoll-Magisches anhaftet. Der Lichthimmel, der Modelle so ausleuchten kann, dass sie besser zu begutachten sind, bestrahlt jetzt nichts als den Boden. Welche Innovation dort wohl demnächst in Augenschein genommen wird? Außer einem erlesenen Kreis von VW-Mitarbeitern und -Managern oder handverlesenen Gästen wird sie niemand zu Gesicht bekommen. Auch die ungebetenen Besucher, die bisweilen mit Drohnen das Future Center in Potsdam heimsuchen, werden weder spicken noch spionieren können: Alle Glasflächen zum See und zum Himmel sind weiß abgeklebt. Ein Jammer, aber sicher.

Bei der Entwicklung neuer Konzepte steht in den Future Centern immer das Erlebnis der Menschen im Vordergrund. Unser Denken, Handeln und Entscheiden hat immer den Nutzer im Mittelpunkt.“ Ulrike Müller, Leiterin Future Center Europe, User Experience (UX) Design.

In einer Versuchsanordnung kommt eine Virtual Reality-Brille zum Einsatz, um Innovationen möglichst lebensnah zu testen. Aber der flüchtige Blick in die künstliche Welt offenbart vor allem, dass die Grafik noch verbesserungswürdig ist. Deutlich spannender ist die Fahrgastzelle, die ein wenig an ein Golf-Modell erinnert. Sie dient dem Future Center zu Demozwecken für digitalisierte Cockpits der Zukunft. Es verfügt nur über ein einziges Display, das sich über Touchpads am Lenkrad sowie einen Drehknopf in der Mitte des Armaturenbretts steuern lässt. Der Fahrer wird dabei über sein Smartphone identifiziert. Der Bordcomputer stellt Routenplanung, Playlists, Wettermeldungen und die Lichtstimmung im Fahrzeug individuell ein. In der Demo wird es zunächst disco-bunt und als ein zweites Handy zum Einsatz kommt eher monochrom. Beruhigend.

So kann sie also aussehen, die Zukunft des Autofahrens. Die Betonung liegt auf „kann“. Die vielsagenden Blicke meiner Begleiter verwandeln jede vermeintliche Gewissheit wieder zurück in eine von vielen Optionen. So kann es kommen. Muss aber nicht.

Epilog

Zwei Wochen später. Genf, Autosalon, die Branche trifft sich. Bühne frei für „Sedric“, das erste Concept Car des Volkswagenkonzerns und sein erstes Fahrzeug für autonomes Fahren auf Levels 5. Es benötigt also keinen Menschen mehr am Steuer. Die Mütter und Väter von Sedric sitzen in der Konzernforschung in Wolfsburg  – und im Future Center Europe in Potsdam.

 

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