„Frauen bekommen gerade eine Superchance“

Frauen sind in den Topjobs der digitalen Transformation deutlich unterrepräsentiert. Yvonne Zimmermann, Vorstandsvorsitzende der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) in Montabaur, appelliert an die Unternehmen, Frauen stärker zu fördern und gezielter für Führungsaufgaben anzusprechen. Die „gläserne Decke“ müsse von unten und von oben durchbrochen werden.

Die Misere beginnt schon an den Universitäten: Der Anteil der Frauen im IT-Studium liegt weit unter 20 Prozent. Warum finden Frauen diese berufliche Perspektive wenig attrakiv?

Junge Frauen verirren sich seltener in diese Karrieren, weil sie wirklich dem alten Glauben und Nimbus folgen, dass IT eine Männerdomäne sei. Viele haben einfach ein falsches Bild dieses Jobs. Sie glauben, es gehe nur ums Programmieren. An den Angeboten unserer ADG Business School zeigt sich deutlich, dass in der Transformation die reinen Digitalthemen mit den General-Management-Themen verschmelzen. Das Geschäft wird deutlich interdisziplinär – und damit auch attraktiver für Frauen. Wichtig sind ja nicht nur Teilaspekte wie Innovation und Digitalisierung, sondern auch das große Thema, wie die Menschen und die Organisationen mit der Veränderung umgehen. Daraus ergeben sich Führungs- und Managementaufgaben, in denen Frauen mit ihren Sozialkompetenzen und Persönlichkeitsmerkmalen wirklich gebraucht werden. Ich sage manchmal etwas flapsig: Das ist unsere Zeit! Wir Frauen bekommen gerade eine Superchance, unsere Fähigkeiten gewinnbringend und nutzenstiftend für ein Unternehmen, für eine Organisationsentwicklung, für diesen Change in Mixed-Leadership-Teams einzubringen.

In der Vergangenheit hat es die Wirtschaft verpasst, die notwendige Aufbauarbeit zu leisten, und jetzt wundern sich alle, dass in den letzten zehn, zwanzig Jahren wenig passiert ist.

Aber wie lässt sich die „gläserne Decke“, die die Karriere von Frauen immer wieder stoppt, durchbrechen?

Von oben und von unten. Ich habe mich bei internen Stellenausschreibungen schon oft gefragt: Warum bewirbt sich die Kollegin denn jetzt nicht? Warum hebt sie nicht den Finger und sagt: „Das will ich machen.“ Männer sind da ganz anders, die sagen „hallo ich“, und die Bewerbung liegt auf dem Tisch. Frauen dürfen also gerne etwas selbstbewusster sein. Gleichzeitig sollten sich Führungskräfte bewusst sein, dass sie Frauen gezielter ansprechen sollten, wenn Führungspositionen zu besetzen sind. Sie müssen die Frauen, die dem Unternehmen weiterhelfen können, suchen und motivieren. Ich habe bis dato nur positives  Feedback auf diese Vorgehensweise erhalten, nach dem Motto: „Gott sei Dank haben Sie mich da geschubst!“

Das allein wird aber nicht reichen, um mehr Frauen in Führungsjobs zu bringen.

Weg zum Führungsjob

Weg zum Führungsjob (© ra2 studio | fotolia.de)

Die Unternehmen müssen endlich ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sich die Situation nicht von selbst verbessert. Sie haben im Prinzip einen permanenten Förder- und Forderauftrag. In der Vergangenheit hat es die Wirtschaft verpasst, die notwendige Aufbauarbeit zu leisten, und jetzt wundern sich alle, dass in den letzten zehn, zwanzig Jahren wenig passiert ist. Außerdem müssen wir Möglichkeiten finden, wie wir Frauen jetzt systematisch in die Fitness bringen, damit sie in den Unternehmen Führungs- und Managementaufgaben übernehmen können. An den Skills scheitert es sicher nicht. Frauen haben sehr oft aufgrund ihrer Sozialisation das Managen durch Familie und Haushalt in den Genen.

Was gewinnen Unternehmen, die die Karrieren von Frauen aktiv fördern?

Ich nehme gerne eine Anleihe an unseren skandinavischen Nachbarländern, wo ja wesentlich mehr Frauen in allen möglichen Führungsfunktionen arbeiten. Die Kultur dieser Länder honoriert offenbar stärker die femininen Eigenschaften, die im Übrigen in Teilen auch jeder Mann hat, genau wie jede Frau auch maskuline Eigenschaften besitzt. In den Anforderungsprofilen für freie Stellen ist davon aber nichts als Fähigkeit beschrieben. Und das ist ein praktischer, aber entscheidender Punkt. Solange ein Unternehmen fachliche und methodische Skills in jeder Ausschreibung ganz oben apostrophiert, solange bekommt es auch nur die entsprechenden und immer gleichen Bewerbungen.

Das Gespräch führte Christoph Berdi  für die IDD-Zeitschrift „zeitschmelze“, die Sie zusammen mit dem Transformation Journal hier abonnieren können.

Die ADG

Die Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) in Montabaur gilt als eine der führenden Managementakademien Deutschlands. Sie bietet pro Jahr rund 1.600 Veranstaltungen mit über 56.000 Seminartagen an und zählt gut 22.000 Teilnehmer. Informationen und Programm finden Sie unter http://www.adgonline.de