Ist unser Bildungssystem in Bezug auf die Digitalisierung noch zeitgemäß?

Frage an unsere Experten:

Meine Tochter ist nun seit kurzem in der Schule. Schon bei der Einschulung hatte ich das Gefühl, dass die Inhalte und Strukturen unseres Bildungssystems nicht mehr der Zeit und schon gar nicht der digitalen Ära entsprechen. Durch Gespräche mit Bekannten, deren Kinder schon in weiterführenden Schulen sind, hat sich meine Befürchtung verfestigt. Wie ist Ihre Meinung dazu? Ist unser Bildungssystem in Bezug auf die Digitalisierung noch zeitgemäß?


Antwort des Experten:

Klare Antwort: nein.

Unser Bildungssystem hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert. Damals ging es darum, die Kinder für den Arbeitsalltag in der Produktion zu erziehen. Der Fokus lag auf Disziplin, Gehorsamkeit und auf der Bereitschaft, Befehle umzusetzen. Die Kerninhalte des Unterrichts: auswendiglernen und sich wiederholende Arbeitsabläufe einüben.

Auf diesen Grundsätzen basiert das heutige Schulsystem leider noch immer. Natürlich hat es sich weiterentwickelt. Jedoch sind Kreativität, freies Denken und der natürliche Forscherdrang in vielen Schulen noch immer eher unerwünscht. Es fällt den Verantwortlichen in Politk, Verwaltung und in den Schulen offenbar schwer, dieses hochgradig standardisierte System auf die Einzelbedürfnisse unserer Kinder anzupassen.

Infografik: Wie Schulen von der Digitalisierung profitieren: Erkenntnisse aus Norwegen | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Andere Länder zeigen uns jedoch, wie Alternativen aussehen können. Länder wie Finnland oder Norwegen gehen bei solchen Themen proaktiv vor und verfolgen innovative Ansätze. Eine individuellere Betreuung der Kinder hat dort eine sehr große Bedeutung. Zudem wird den Schülern mehr Freiraum für eigene Entfaltung geboten. Ihre Stärken werden aus dem Schulsystem heraus besser gefördert.

Zeitgleich zeigt sich hierzulande, dass es lange dauert, bis Änderungen im Bildungssystem und bei den Lernmethoden greifen. Bis Lehrkräfte ihre Ausbildung abgechlossen haben, an der Schule Unterricht geben und die neuen Ansätze nutzen, vergehen einige Jahre. Dann bleiben sie mit eben diesen erlernten Ansätzen mehrere Schüler-Generationen lang im Beruf. Ihre Weiterqualifizierung, um mit Methoden und Technologien Schritt zuhalten, ist lücken- und mangelhaft.

Der Wandel zu einem zukunftsträchtigen Bildungssystem kann nur von der Politik angestoßen werden. Und dies kann nicht in kleiner Dosierung geschehen, sondern nur durch tiefgreifende Reformen. Die Politik steht also in der Pflicht, die Digitalisierung des Bildungssystems auf die Agenda zu nehmen. Jetzt müssen die richtigen Weichen gestellt werden. Es ist schon zu viel Zeit vergangen, in der an veralteten Paradigmen festgehalten wurde. Nun ist zwingend nötig, den Absprung in die Zukunft zu schaffen.

Das Investitionsprogramm in Höhe von fünf Milliarden Euro, das Bundesbildungsministerin Johanna Wanka im Herbst vergangenen Jahres angekündigt hat, ist ein begrüßenswerter, großer Schritt in die richtige Richtung. Das Ziel: Alle Schulen sollen einen Breitband-Anschluss und W-LAN bekommen. Aber was sind solche Vorstöße wert, wenn umgehend Kritik des Lehrerverbandes kommt? Dessen Präsident, Josef Kraus, konterte die Ankündigung der Bundesregierung mit dem Spruch: „Wir brauchen keine Laptop-Klassen!“ Computer, Laptops und Tablets brächten kaum etwas für den Unterricht und mache nur die Hersteller fett. Rückwärtsgewandter und fortschrittsfeindlicher geht es nicht. So lange solche Betonköpfe etwas zu sagen haben, wird es schwer, das Schul- und Bildungswesen in die digitale Zeit zu bringen.

Aber – wir arbeiten daran.

Autor

Dennis Schenkel ist Projektmanager bei der Initiative Deutschland Digital und Gründer der Innovationsagentur edisn. Die 2015 gegründete Agentur berät Unternehmen bei der Einführung von Organisationsstrukturen zur Steigerung der Innovationsfähigkeit. Im Fokus liegen dabei die individuellen Fähigkeiten und Talente der einzelnen Mitarbeiter und Stakeholder.

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