Deutsche Wirtschaft nimmt Künstliche Intelligenz ernst

Deutsche Unternehmen erkennen das Potenzial von KI (© christian42 | fotlia.de)

Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, in den nächsten zehn Jahren die große Triebfeder zu sein, die Unternehmen schneller, schlauer, effizienter und besser macht. Technologien und Anwendungen, die vor kurzem noch Science Fiction waren, besitzen 2017 bereits vielfach die nötige Reife für die Praxis. Und die gute Nachricht für eine digitalisierte Wirtschaft in Deutschland lautet: Die Unternehmen hierzulande erkennen das Potenzial von KI und investieren mit dem nötigen Ernst.

Autor: Urs M. Krämer

Künstliche Intelligenz verändert schon heute die Art, wie Organisationen agieren und Entscheidungen treffen. Fast jedes zweite Unternehmen setzt KI-Technologien bereits in verschiedenen Unternehmensbereichen ein. Das zeigt die Studie „Potenzialanalyse Künstliche Intelligenz“ von Sopra Steria Consulting. Einsatzfelder für Systeme, die auf künstlicher Intelligenz basieren, finden sich in vielen Bereichen: in der Medizin, der Verkehrssteuerung, in Fahrzeugen sowie im Kundenservice.

Der Einstieg: Robotic Process Automation

Der Einstieg in die KI-Welt geschieht häufig über den Vorläufer Robotic Process Automation (RPA). RPA soll vor allem die geistige Fließbandarbeit beseitigen. Ähnlich wie in der Produktion, wo der Einsatz von Robotern schon normal ist, sollen nun Softwareroboter Verfahren und Prozesse in den Büros automatisieren, beispielsweise das Abarbeiten von Listen und der Übernahme klassischer „Cut and Paste“-Jobs. Dabei wird es allerdings nicht bleiben. Mit KI-Anwendungen gekoppelt, kann RPA dazu beitragen, dass ein System kontinuierlich dazulernt. Systeme werden aus unstrukturierten Kundenanfragen per Text oder Sprache die relevanten Informationen erkennen und selbsttätig antworten. Sie werden Verträge prüfen, die Einhaltung von Compliance-Vorschriften überwachen und bei der Vorauswahl neuer Mitarbeiter unterstützen. Derartige Szenarien sind teilweise schon Realität.

Aus den Einsatzfeldern lässt sich gut erkennen, wo der Schuh in den Unternehmen am meisten drückt. Es geht darum, mit Hilfe von KI-Aktivitäten drei zentrale Ziele zu erreichen: Arbeitskosten sparen, Abläufe beschleunigen und große Datenmengen schneller und besser auswerten. Das Erreichen der Ziele hängt allerdings nicht nur vom Einsatz künstlicher Intelligenz ab. Viele Sachbearbeitungs- und Servicevorgänge, zum Beispiel in Behörden sowie bei Banken und Versicherungen, sind heute so komplex und die IT-Systeme so weit verzweigt, dass ein reines Umschalten auf Automatik nicht die gewünschten Kosteneffekte bringen wird.

„Großer bis sehr großer Einfluss“

Es wird deshalb drauf ankommen, das Potenzial der KI-Technologien nicht nur auf der operativen, sondern auch auf der strategischen Ebene anzugehen. Die Studie zeigt, dass Unternehmen diesen nächsten Entwicklungsschritt noch vor sich haben, allerdings die Relevanz erkannt haben. 70 Prozent der befragten Manager erwarten, dass KI bis zum Jahr 2025 einen großen bis sehr großen Einfluss auf die Unternehmensstrategie haben wird. In der Industrie ist dies heute schon erkennbar. Autokonzerne und Zulieferer in Deutschland arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Kompetenz in Sachen Sensorik, Vernetzung und intelligente Systemen auszubauen. Feldversuche für führerlose Lkw sowie der geplante automatische Shuttlebus im französisch-deutschen Grenzgebiet belegen, wie KI Verkehr sicherer machen kann und Mobilität finanzierbar bleibt. Technologien wie „Affective Computing“ sollen zudem die Arbeit mit Maschinen und mit Fahrzeugen sicherer machen. Dabei erkennen und interpretieren Maschinen menschliche Gefühlsäußerungen und warnen zum Beispiel bei Müdigkeit vor Fehlbedienungen oder Unfällen.

Laden Sie die Ergebnisse der Studie hier als Infografik im pdf-Format

Auch in Dienstleistungsbranchen wie bei Banken und Versicherungen gibt es Ansatzpunkte, wie künstliche Intelligenz Mehrwerte für Kunden schaffen kann. Vier von zehn Finanzdienstleistern wollen künftig mit Hilfe von KI Daten intensiver auswerten und damit ihre Angebote besser auf Kundenbedürfnisse zuschneiden können.  Das Schadenmanagement von Versicherern soll so zum Beispiel schon beginnen, bevor sich ein Unfall oder ein Einbruch ereignet.

Künstliche Intelligenz: von der Euphorie zur Umsetzung

Ideen für den Einsatz gibt es en masse. Aufgabe der Entscheider ist es nun, die vorhandene KI-Euphorie in die richtigen Kanäle zu lenken, damit Mehrwerte für Kunden und Mitarbeiter entstehen. Was für den Digital-Hype und eigentlich für jeden Hype gilt, hat auch für künstliche Intelligenz seine Gültigkeit: Hysterie und Aktionismus sind fehl am Platz. Es geht um eine methodische Roadmap mit klaren Geschäftszielen sowie einer klugen Auswahl von Technologien und  Anwendungsfeldern und nicht um ein blindes Aufspringen auf den nächstbesten digitalen Zug.

Bevor Entscheider in KI  investieren, sollten sie sich deshalb fragen, ob sie für den Einsatz von KI überhaupt schon reif, zum Beispiel ausreichend vernetzt sind und ob die vorhandenen Abläufe und Systeme nicht eher bremsen statt helfen. Beim Technologiecheck geht es darum, sich nicht zu sehr abhängig von Anbietern zu machen und sich die Partner zu suchen, von denen sich am meisten lernen lässt. Und schlussendlich müssen sich Vorstand und Geschäftsführung bewusst darüber sein, dass es auch Menschen im Unternehmen gibt, die künstlicher Intelligenz skeptisch gegenüberstehen oder sie sogar als Bedrohung von Arbeitsplätzen wahrnehmen. Entscheider sollten sich deshalb ihren Mitarbei­tern und dem Betriebsrat ausreichend Gelegen­heit und Hilfen geben, sich auf die „Kolle­gen Algorithmus und Roboter“ einzustellen und eine transparente Debatte führen, die alle einbinden.

Der Autor

Urs Krämer, Steria Mummert Consulting AG

Urs M. Krämer ist seit Anfang 2013 bei Sopra Steria Consulting und übernahm am 1. April 2014 die Rolle des Chief Executive Officers. Im Blog Digitale Exzellenz ist er regelmäßig als Autor zu Themen rund um die digitale Transformation vertreten.


Twitter: @UMKraemer
XING: https://www.xing.com/profile/UrsM_Kraemer
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/ursmkraemer/