Plattformen: Viel Leistung unter der Haube

Aus isolierten Werkzeugen wurden komplexe Plattformen (© sittinan | fotolia.de)

Die wachsenden Ansprüche an die Unternehmens-IT lassen sich nur noch über leistungsfähige Software-Plattformen bedienen. Sie halten zentrale Bausteine für neue Anwendungen bereit und erlauben es den Unternehmen, Softwarelösungen graphisch zu beschreiben. Den Programmcode schreibt die Plattform. Es gilt das Motto: mehr davon!

Autor: Dr. Norbert Jesse

Pattformen und Funktionsmodule spielen in der Industrie seit geraumer Zeit eine essentielle Rolle. Besonders augenfällig ist dies in der Automobilindustrie: Plattformen bezeichnen dort eine technische Basis, auf der äußerlich verschiedene Modelle aufbauen. Ausgehend von einer kleineren Zahl an grundlegenden „Bausteinen“ – etwa für die Funktionsgruppen Motoren, Getriebe, Achsen und Bremsanlagen – lässt sich eine Fülle unterschiedlicher Fahrzeugtypen und -modelle auf die Straße bringen. Damit erlaubt dieser Plattform-Ansatz einen Spagat zwischen Variantenvielfalt und Kostenoptimierung. Volkswagen ist bekannt dafür, auf einer einzigen Plattform Modelle für verschiedene Konzernmarken zu bauen. Auch klein- und mittelständische Unternehmen, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, sind gezwungen, stärker individuellen Kundenanforderungen zu entsprechen. Hier gilt ebenfalls: Um die Komplexität zu beherrschen, ist ein effektives Variantenmanagement auf Basis von Plattformen bedeutsam.

In der Informatik hat sich eine durchaus ähnliche Entwicklung vollzogen. Als junge Disziplin besaß sie zunächst den Ruf einer „Kellerdisziplin“. Ihre Arbeit war geprägt durch eine individuelle Herangehensweise, Kreativität und einen guten Schuss Alchemie. Die treibenden Kräfte der Informatik haben allerdings früh erkannt, dass Softwareentwicklung keine künstlerische Angelegenheit ist, sondern als stringenter, transparenter Engineering-Prozess verstanden werden muss. An die Stelle des mehr oder weniger genialen Einzelkämpfers trat schnell Teamarbeit mit Architekten und Projektleitern. Die Kompetenzen der Entwickler differenzierten sich ganz erheblich aus.

Schnell wurde allerdings auch die Bedeutung von Werkzeugen für den Prozess des Software-Engineerings offenkundig. Mit sogenannten „4th-Generation-Languages“ und „Workbenches“ für Masken, Reports oder automatisierte Tests konnten in den 1980er-Jahren wichtige Schritte weg vom Programmieren und hin zum Einsatz leistungsfähiger Programmgeneratoren vollzogen werden. Ein nicht unerheblicher Teil der Programmierkompetenz verlagerte sich also in Werkzeuge. Die Effizienz sprang auf ein neues Level.

Vom Werkzeug zur Plattform

Nach und nach wurden aus isolierten Werkzeugen komplexe Plattformen. Sie verstecken eine immense Komplexität „unter der Haube“ und erlauben es, Anwendungen zu konfigurieren statt zu programmieren. Mit vorkonfektionierten Bausteine werden Oberflächen und die Geschäftslogik graphisch beschrieben. Die Umsetzung in Programmcode übernimmt die Plattform. Hier ist durchaus das Pareto-Prinzip zu erkennen, das heißt,  tendenziell sind 80 Prozent der Komplexität einer Anwendung bereits in der Plattform ausgeprägt. Nur 20 Prozent müssen durch Programme oder Skripte adressiert werden.

Der Produktivitätsgewinn ist erheblich. Plattformen erlauben es, Webportale zu konfigurieren und passen das Resultat automatisch an die Formate mobile Geräte an. Komplexe digitale Geschäftsprozesse werden ohne eine Zeile Programmcode erstelt. Niemand muss mehr statistische Funktionen programmieren. Cloud-Angebote – z. B. für die Erfassung, Aufbereitung und Analyse von Sensordaten – sind ebenso zu nennen wie Open-Source-basierte Ökosysteme für Big-Data-Anwendungen. Die Liste lässt sich fast beliebig verlängern. Dieser Effizienzgewinn ermöglicht gleichzeitig ein hohes Maß an Agilität im Projektablauf. Weiterhin erlaubt es die Modellierung, Anwender frühzeitig in die Entwicklung einzubinden und ihnen sogar Entwicklungsaufgaben zu übertragen. Last, but not least: Die Technologien insgesamt entwickeln sich immer schneller weiter und die Plattformen gehen diese Entwicklung mit, ohne dass dies die erarbeiteten Anwendungsmodelle berühren muss.

Neue Evolutionsstufe

Die Software-Industrie hat eine neue Evolutionsstufe erreicht. Es sind mächtige Plattformen für Datenintegration, Big Data, Analytics, Digital Workplaces und vieles mehr verfügbar. IT-Analysten wie Gartner und Forrester liefern regelmäßig wertvolle Studien, in denen die Stärken und Schwächen der führenden Plattformen in spezifischen Bereichen bewertet werden. So weit, so gut. Entscheidender Wermutstropfen: Ein nennenswerter Beitrag der deutschen Software-Industrie zur Plattform-Welt ist nicht erkennbar. Der weitaus überwiegende Teil der Anbieter kommt aus den USA.

Wenn es richtig ist, dass Geräte, Maschinen und die „Dinge“ der Alltagwelt zunehmend ihren Wert aus den Software-Anteilen ziehen, dann wandeln sich „reine“ Hardware-Hersteller zu software-getriebenen Unternehmen. Jeff Immelt, Chef von GE, hat für seinen Konzern hieraus frühzeitig den richtigen Aktionsplan entworfen und 2015 bereits festgestellt:

Auf unserer aktuellen Flugbahn sind wir auf Kurs, ein Top-Ten-Software-Unternehmen zu werden.

Unternehmenserfolg hängt mehr und mehr ab vom Software-Turbo – sei es als Teil der Produkte, sei es in der Fertigung oder in Marketing und Sales. Und für den zügigen Entwurf von smarter Software benötigt es nun mal ausgezeichneter Entwicklungsplattformen.

Was hat dies mit der Initiative Deutschland Digital zu tun? Nun, sehr viel. Wer die Kompetenz besitzt, mächtige Werkzeuge und Plattformen zu entwickeln, der besitzt auch zwangsläufig einen zeitlichen Vorsprung in ihrer Nutzung. Es darf uns nicht egal sein, wenn wesentliche Kompetenzbausteine für die Entwicklung smarter Lösungen nur mit Verzögerung verfügbar sind oder ihr Potenzial zu spät erkannt wird. Um den Blick noch einmal auf die Automobilindustrie zu richten: Autos sind in ihrer Essenz ein wachsendes Amalgam aus Sensoren, Aktoren und Prozessoren – wesentlich definiert durch intelligenten Software, gesetzt auf vier Rädern und vernetzt in alle Richtungen. Dies hat Konsequenzen. Wenn der Motor absehbar wegfällt, weil die E-Mobilität Einzug hält, werden sich die Produktions- und Wertschöpfungsketten weiter verändern. Die deutsche Software-Industrie tut gut daran, wenn sie versucht, einen eigenständigen Beitrag zu leisten, um für diese Kernindustrie der deutschen Wirtschaft die Softwareplattformen und damit die Zukunft mitzugestalten.

Der Autor

Dr. Norbert Jesse

Dr. Norbert Jesse ist Gesellschafter und Geschäftsführer der QuinScape GmbH. Seine Interessenschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissensmanagement, Big Data, Internet of Things und Analytics. Er unterrichtet an der TU Wien und ist Gastprofessor der University for Business and Technology (UBT) in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo.

E-Mail-Kontakt: Norbert.Jesse@quinscape.de