Harvey, Irma und die Blockchain

Was haben Hurrikans und die Blockchain gemeinsam? (© deomister/© dalebor | fotolia.de)

Was haben Hurrikans und die Blockchain gemeinsam? Beide besitzen bereits in frühen Stadien ein erkennbar hohes disruptives Potenzial. Bei beiden ist die tatsächliche Entwicklung im Voraus schwer abzuschätzen. Kurzum: Es ist ungewiss, ob und wie sich das disruptive Potenzial am Ende tatsächlich manifestiert.

Autor: Oliver Merx

Harvey hat eindrucksvoll gezeigt, was es bedeuten kann, einen Sturm zu unterschätzen: Noch am 25.08. wurde der Hurrikan herabgestuft. Für manchen schien es so, als sei deshalb die größte Gefahr gebannt. Jene, die es glaubten, begingen einen verhängnisvollen Irrtum.

Ein anderes Beispiel ist Hurrikan Irma. Der vielleicht stärkste jemals gemessene Hurrikan wurde zwischendurch mehrfach heruntergestuft. Die Welt am Sonntag vom 03.09. hat dies so kommentiert: „Irma schwankt in seiner Stärke.“ Richtig – die Frage ist, welche Rückschlüsse man daraus zieht: Bedeutet Schwankung weniger Gefahr?

Irma nahm jedenfalls wieder Fahrt auf – sie wurde trotz aller Anfangsschwankungen zunächst noch gefährlicher als viele andere Hurrikans zuvor, bevor sie über Florida wieder an Wucht verlor. Das bereits zu Anfang prognostizierte extrem hohe disruptive Potenzial von Irma war also keine Illusion. Die ersten Einschätzungen waren weder ein Irrtum, noch wurde eine Katastrophe „herbeigeredet“. Sie waren trotz aller zwischenzeitlichen Schwankungen von Beginn an berechtigt. Irma hatte das Zeug, zum „perfect storm“ zu werden. So werden im englischsprachigen Raum Situationen bezeichnet, aus denen es eigentlich kein Entrinnen mehr gibt. Der Finanzcrash von 2008 war so ein „perfekter Sturm“.

Was hat das alles mit der Blockchain zu tun?

Immer wieder ist zu lesen, dass sich ihre disruptive Kraft jenseits der Krypotwährung Bitcoin bislang nicht verwirklicht habe. Wo also ist jetzt der Beweis? Das große Potenzial sei nur eine These, denn bislang gebe es nur „PoCs“ (proof of concept) und „MVPs“ (minimal viable product), also minimal lebensfähige Produkte. Manch ungeduldiger Mensch fragt daher mit leicht ironischem Unterton: Wo bitte bleibt die viel beschworene Disruption der Blockchain? Die Frage wird dabei gerne so gestellt, als dürfe man erwarten, dass sich das Potenzial digitaler Disruption in wenigen Wochen oder Monaten verwirklichen müsse – oder es war schlicht ein Irrtum, eine Fake-Disruption, eben ein Hype ohne Substanz. Dazu passt, dass Gartner die Blockchain im neuesten Hype-Cycle im Abwärtstrend sieht.

Schwankt die BlockChain?

Die Antwort geben die Hurrikans: Je früher das hohe disruptive Potenzial einer beliebigen Entwicklung erkennbar wird, desto eher werden auch Schwankungsbreiten frühzeitig wahrgenommen. Bei Irma war dieses Hin und Her bereits zu einer Zeit der Fall, als sie sich noch in der Nähe der Kapverdischen Inseln befunden hat. In einem derart frühen Stadium sind selbst die gefährlichsten Hurrikans kaum mehr als eine Art „PoC“ oder „MVP“ im übertragenen Sinn. Sie sind wie Adlerküken, die sich erst zu Königen der Lüfte entwickeln müssen. Dieser Zustand ist ein Durchgangsstadium.

Jede große Disruption durchläuft solche Phasen des Wachstums und der Ungewissheit: Hunderprozentige Vorhersehbarkeit gibt es nicht. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten und Erfahrungswerte auf Basis von typischen Verlaufsmustern.

Vor diesem Hintergrund folgende Einschätzung zur Blockchain:

Sie ist ein „digitaler Hurrikan“ – aber befindet sich noch in einem frühen Stadium. Der große Wirbel der nach wie vor um sie gemacht wird, lässt ahnen: Es könnte ein digitaler Monstersturm werden. Allerdings liegt er aktuell noch weit draußen auf dem „digitalen Atlantik“. Mal schwächt er sich ab, dann legt er wieder zu. Die Blockchain bewegt sich jedoch kontinuierlich auf viele etablierte Branchen zu. Gleichwohl kann noch niemand mit absoluter Gewissheit vorhersagen, wer in welchem Umfang vom Sturm weggefegt werden wird. Vielleicht bricht der Sturm auch noch in sich zusammen. Dies ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Eher noch ist die Blockchain Teil eine Kette mehrerer Hurrikans nacheinander à la Irma, Jose und Katia.

Was kann man schon jetzt mit Sicherheit sagen?

Wer den aufziehenden Sturm der Blockchain nur deshalb nicht ernst nimmt, weil sich ihr Potenzial bislang noch nicht in Form belastbarer Runtime-Anwendungen, Produktivsysteme und disruptierter Branchen nachweisbar verwirklicht hat, besitzt entweder ein unerschütterliches Gottvertrauen oder negiert den typischen Zickzack-Verlauf digitaler Disruption. Unternehmensvorstände sollten sich daher wie verantwortungsvolle Bürgermeister und Gouverneure in Hurrikan-Gebieten verhalten: Sie sollten die Blockchain im Auge behalten und potenzielle Maßnahmen prüfen, solange die Disruption noch nicht da ist. Hat sie sich erst verwirklicht, ist es in aller Regel zu spät.

Es gibt aktuell keinen Grund, die Blockchain und ihr ernormes disruptives Potenzial zu unterschätzen. Wer dies tut, ist durchaus fahrlässig, denn vieles spricht dafür, dass die Blockchain das Gegenteil von Jim Knopfs Scheinriesen ist. Anders als dieser wird die Blockchain nicht kleiner, wenn man ihr näher kommt – sie wird immer größer.

Übertragen auf Hurrikans bedeutet das: Da braut sich was zusammen.

Autor

Oliver MerxOliver Merx ist Herausgeber des CDO-Kompass. Er arbeitet als Digital Business Development Manager in einer Versicherungsgruppe in München. Sie erreichen ihn unter der E-Mail-Adresse: info@cdo-kompass.de