Auf und ab im Hype-Cycle: Künstliche Intelligenz in Deutschland

Deutsche Unternehmen erkennen das Potenzial von KI (© christian42 | fotlia.de)

Wie ist der Anbietermarkt für Künstliche Intelligenz in Deutschland strukturiert? Aufschluss über diese Frage gibt eine Recherche von Spotfolio. Für die Initiative Deutschland Digital (IDD) hat das Unternehmen seinen Datenpool mit den innovationsstärksten Forschungsinstituten und Unternehmen durchleuchtet. Das Ergebnis: Das Segment entwickelt sich evolutionär. Radikale, vollständig disruptive Markttendenzen sind (noch) nicht zu erkennen.

Autor: Christoph Herr

Die Suche nach dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ in den Daten von Spotfolio ergibt 238 mit Künstlicher Intelligenz befasste Unternehmen in Deutschland. Nur 16 Prozent dieser Unternehmen wurden über Venture Capital finanziert, also über Beteiligungsfonds oder Business Angels. KI ist in Deutschland noch eine recht junge Domäne: Circa 25 Prozent sind erst fünf Jahre alt beziehungsweise jünger und zeigen typische Eckpunkte eines Start-Ups. Drei Prozent der Unternehmen sind insolvent.

Die geringe Zahl der Unternehmen, die über Venture Capital verfügen, lässt interessante Schlüsse zu: Gerade in Deutschland investieren Beteiligungsgeber noch verhältnismäßig zurückhaltend in den KI-Markt. Dies erklärt sich einerseits durch eine hohe Risikoklassifizierung. Andererseits liegt die Vermutung nahe, dass man die Technologievorreiter eher in anderen Ländern sieht, zum Beispiel in den USA und in Israel.

Hohe Fremdfinanzierung

Dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass KI-Unternehmen für mutige Investoren attraktiv sind: Im Vergleich zu anderen IT-Branchen ist der Anteil der Fremdfinanzierung nämlich ausgesprochen hoch. Offenbar setzen risikobereite Finanzierungsgeber eher auf Hochtechnologie, statt in etablierte IT-Unternehmen zu investieren. Daraus lässt sich weiter folgern, dass man gerade dieser IT-Domäne ein massives Potenzial zurechnet und die Wachstumschancen höher eingeschätzt als für die am Markt etablierten IT-Technologien. Für junge und dynamische Unternehmen im Umfeld der KI gibt es also überproportional hohe Chancen eine Venture-Finanzierung zu erhalten.

Die dargestellten Erkenntnisse lassen vermuten, dass sich die KI gerade in der Anzahl der Neugründungen auf einem rasanten Wachstumspfad befindet. Untersucht man nun die vorhandenen Daten so kommt man hingegen zu einem ausgesprochen überraschenden Ergebnis:

KI-Markt in Deutschland

Abbildung: Unternehmensneugründungen im Umfeld der KI von 2000 bis zum Erstellungszeitpunkt der Spotfolio-Studie (2017)

Es zeigt sich, dass es zwischen 2012 und 2014 besonders viele Gründungen im Bereich KI gab. Seit 2015 sind diese aber sehr deutlich zurückgegangen. Dreiviertel der KI-Unternehmen sind bereits sechs Jahre und älter. Zur Interpretation dieser Tatsachen hat spotfolio.com parallel eine Studie im Bereich der Sensortechnologie durchgeführt, einer ähnlich jungen Domäne, stark getrieben durch die Verbreitung des Internet of Things (IoT). Für diesen Technologiesektor findet man ein fast deckungsgleiches Bild. Erklärungshypothesen sind: Wie der Sektor Sensorik folgt auch der Sektor KI einem Hype-Cycle bezüglich der Unternehmensneugründungen. Dieser Hype hatte seinen Höhepunkt 2012 bis 2014, so dass wir uns nun in einer Phase der Konsolidierung befinden. Folgt man dieser Hypothese, dann ist jetzt in der Konsolidierungsphase, der Punkt erreicht, an dem diese Technologien in den Markt gehen und sich hochprofitabel entwickeln werden. Gerade für Investoren kann dies ein sehr günstiger Einstiegszeitpunkt sein.

Ein nicht geringer Anteil künftiger KI-Technologien wird von etablierten Unternehmen in den Markt gebracht werden. Insbesondere deshalb muss man davon ausgehen, dass Großunternehmen, insbesondere DAX- und MDAX-Konzerne weiterhin wesentlich an der Formierung des Marktes mitwirken werden.

Fazit

Die Untersuchung des Wachstumsmarkts KI mit einem speziellen Fokus auf junge Unternehmen in Deutschland zeigt einige überraschende Ergebnisse auf. Zum einen befinden wir uns aktuell in einer Konsolidierungsphase der Gründungen, nachdem vor drei Jahren überproportional viele Unternehmen diesen Markt entdeckt haben. Es ist aber erkennbar, dass dieses Segment als zu riskant gesehen wird, um ausschließlich hierauf ein vollständig neues disruptives Geschäftsmodell aufzubauen. So gibt es nur wenige Unternehmen in Deutschland, die rein datenbasierte Geschäftsmodelle und/oder kognitive Services anbieten. Allerdings gehen immer mehr IT-Unternehmen in den Markt, indem sie ihre IT-Services um künstlich intelligente Services erweitern. Es findet also gerade in Deutschland eine evolutionäre Markt- und Produktentwicklung in diesem Segment statt. Eine radikale, vollständig disruptive Marktentwicklung ist (noch) nicht zu erkennen.

Die Spotfolio -Studie „Analyse der KI-Unternehmen in Deutschland 2017 können Sie hier herunterladen: https://spotfolio.com/de/dokumente/analyse-der-ki-unternehmen-in-deutschland/

Der Autor

Christoph HerrChristoph Herr ist Geschäftsführer der Spotfolio GmbH in Grafschaft-Ringen, die eine Plattform für Technologiescouting betreibt.

Kontakt:  christoph.herr@spotfolio.com