Blockchain – Chancen für viele Industrien

Gerade hatten sich Community und Unternehmen an die Nutzung der Cloud mit ihren Anwendungen gewöhnt, da taucht mit Blockchain eine neue Schlüsseltechnologie auf, welche die IT grundlegend verändern wird.   

Autor: Tobias Reisberger

Zukunftsindustrien und Technologien von morgen wie Industrie 4.0, Autonomes Fahren oder Künstliche Intelligenz wären ohne die Cloud nicht denkbar. Die Einführung der Cloud und damit verbundener Anwendungen hat den Einsatz solcher Technologien für Unternehmen und Privatanwender überhaupt erst möglich gemacht. Die Cloud hat sich längst zu einer Basistechnologie entwickelt. Laut Cloud-Monitor 2017 des Branchenverbandes Bitkom nutzen rund zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland die Cloud.

Mehr als Bitcoins

Und die nächste Stufe der technologischen Evolution steht bereits vor der Tür: Blockchain. Noch bringt die breite Öffentlichkeit diese Technologie vor allem mit der Finanzwelt und dem Thema „Bitcoins“ in Verbindung. Doch das Potenzial von Blockchain reicht weit darüber hinaus. Hinter Blockchain verbirgt sich die Idee des weltweiten Austausches von Werten, ganz ohne eine übergeordnete Aufsicht oder komplizierte Verifizierungsverfahren sowie Gebühren.

Das Zauberwort heißt „dezentral“

Konkret handelt es sich bei Blockchain um eine dezentrale, digitale Datenbank oder ein dezentrales, digitales Register, das eine Vielzahl von Transaktionen linear speichert. Ist ein Block voll, folgt der nächste unmittelbar dahinter. Das heißt: Die neuen Daten hängen nachgelagert an den alten dran, analog zu einer Kette. Am Anfang eines jeden Blocks steht die Prüfsumme des vorherigen Blocks. So ist sichergestellt, dass keine Daten verloren gehen. Virtuell entsteht somit eine Kette von Blocks („Blockchain“ = „Blockkette“). Datenbank oder Register sind nicht zentral auf einer Festplatte gespeichert, sondern dezentral auf einer Vielzahl von Computern. Alle Teilnehmer besitzen die gleichen Zugriffs- und Nutzerrechte. Sie prüfen die verfügbaren Daten auf ihren Wahrheitsgehalt. Blockchain gehört keinem zentralen Verwalter, das System ist kaum zu hacken oder zu manipulieren. Darin liegt ein wesentlicher Vorteil von Blockchain, auch als Distributed-Ledger-Technologie bezeichnet (DLT): Der Schutz gerät lediglich dann in Gefahr, wenn Angreifer mehr als die Hälfte des Systems kontrollieren. Die Blockchain ist also im Grunde eine dezentrale Peer-to-Peer-Datenbank und dient der kryptografischen Verkettung einzelner Blöcke. Diese Blockketten sind auf permanent miteinander vernetzten Rechnern gespeichert.

Finanzwelt durchgeschüttelt

In den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangte Blockchain im Zusammenhang mit der digitalen Währung Bitcoin. Jede einzelne Transaktion ist dezentral und offen abgespeichert. Alle Teilnehmer sind in der Lage, die Geldgeschäfte einzusehen und zu kontrollieren. Dadurch sinkt das Risiko für Manipulationen. Die Nutzer haben Verfügungsgewalt über ihre Daten. Eine übergeordnete Bank existiert nicht. Es ist somit kein Wunder, dass der Bitcoin, und damit Blockchain, vor allem die Finanzwelt erschütterte: Blockchain übernimmt Aufgaben zur Überprüfung und Legitimierung von finanziellen Transaktionen – eine zentrale Aufgabe der Banken. Als Hauptbeweggründe gelten die Aspekte Sicherheit, Transparenz sowie gesteigerte Effizienz.

Auch für andere Industrien interessant

Gleichzeitig reduziert sich Blockchain nicht auf den Finanzsektor. Auch Transaktionen von Gesundheitsdaten oder Immobilienverträgen sind über Blockchain abwickelbar. Dabei handelt es sich um sogenannte Smart Contracts: Verträge liegen nicht mehr in Papierform vor, sondern sind in Computerprotokolle eingebettet. Diese überprüfen oder unterstützen die technische Verhandlung oder Abwicklung eines Vertrags. Behörden sowie Notare, Anwälte und sonstige Prüfungsgesellschaften entfallen somit. Vor allem Versicherungen profitieren davon. Ein vereinbartes Regelwerk ist laufend kontrollierbar. So ist es beispielsweise möglich, Versicherungsbeiträge entsprechend des Verhaltens des Versicherten laufend zu evaluieren und entsprechend anzupassen. Die Blockchain beinhaltet das Potenzial, Prozesse über eine sichere Infrastruktur zu automatisieren und dabei die Gefahr einer Datenmanipulation beinahe vollständig zu unterbinden. Dies erscheint nicht nur im Finanzsektor erstrebenswert.

Mittlerweile prüfen Unternehmen verschiedenster Branchen, welche Vorteile das Blockchain-System für sie bereithält, etwa die Musikindustrie. Mit Blockchain entsteht ein dezentraler Musikladen. Plattenverträge gehören der Vergangenheit an, Musiker verwalten ihre Rechte selbst und legen die Bedingungen für die Nutzung ihrer Werke fest. Auch bei Wahlen ist der Blockchain-Einsatz denkbar. Wähler geben ihre Stimme bequem von zu Hause aus ab und etwaige Wahlmanipulationen beim Auszählen der Stimmen wären so gut wie ausgeschlossen. Die Digitalisierung der Wahlen wird in Zukunft ein relevantes Thema sein, da mit der Möglichkeit der Stimmenabgabe quasi vom Sofa aus, der Wahlvorgang an sich vereinfacht wird. Die Blockchain bietet kaum Ansatzpunkte, um die darüber gesicherten Daten zu kompromittieren. Daher wäre sie eine grundlegende Technologie, um die digitale Wahl zu realisieren.

Trotz offener Fragen: Vorteile überwiegen

Blockchain bietet die Möglichkeit, große Datenmengen unternehmensübergreifend zu sammeln und zu analysieren. Gleichzeitig ermöglicht das System das automatische Aufspüren von Schwachstellen in der Lieferkette, im Zahlungsverkehr und anderen Geschäftsprozessen. Mit Blockchain lassen sich die Kosten für die aufwendige Installation und den Unterhalt einer eigenen IT-Infrastruktur spürbar senken. Gleiches gilt für die Kosten, die im Rahmen von externen Finanztransaktionen, dem Reporting oder der dazu gehörigen Verwaltung anfallen. Auch Reportings oder Jahresabschlüsse erreichen durch die Blockchain eine höhere Transparenz, da sie digital einfacher zugänglich und durch jeden Blockchain-Nutzer einzusehen sind.

Derzeit handelt es sich bei den Einsatzszenarien der Blockchain oft um Gedankenspiele oder Pilotprojekte. Das Verfahren ist bisher nicht gänzlich ausgereift. Nachteile ergeben sich durch die noch geringe individuelle Skalierbarkeit sowie Einschränkungen beim Speicherplatz. Berechtigungen sind nur schwer zu verwalten und die Integration von Blockchain stößt häufig auf den Widerstand bestehender IT-Sicherheitsrichtlinien in den Unternehmen. Neben den unternehmenseigenen Richtlinien zum Datenschutz spielt in diesem Zusammenhang zudem die Meinung des Gesetzgebers eine gewichtige Rolle. Zwar basiert das Konzept von Blockchain darauf, die Datenpakete durch eine möglichst hohe Zahl verschiedener Teilnehmer prüfen zu lassen. Doch wer prüft die Teilnehmer? Schließlich sind Änderungen an den Datensätzen auf diese Weise genauso für die Unternehmen der Konkurrenz nachvollziehbar. Als Folge steigt die Zahl privater Blockchains, in denen nur bestimmte Teilnehmer zugelassen sind.

Fazit

Experten sind sich sicher, dass sich die Blockchain-Technologie in den nächsten Jahren etablieren und bestehende Konzepte auf den Kopf stellen wird. Damit geraten traditionelle Geschäftsmodelle immer häufiger auf den Prüfstand. Wo diese Entwicklung letztlich enden wird, weiß heute niemand. Jedoch hätte in den Anfängen des Internets auch niemand daran gedacht, dass heute nahezu unsere komplette Lebensumgebung vernetzt ist.

Autor

Tobias Reisberger, Nexinto

Tobias Reisberger ist Chief Digital Officer bei dem IT-Dienstleister Nexinto.